Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

Regenbogen
über den Hügeln einer anmutigen Landschaft

Grau und trüb und immer trüber
Kommt das Wetter angezogen,
Blitz und Donner sind vorüber,
Euch erquickt ein Regenbogen.

Frohe Zeichen zu gewahren
Wird der Erdkreis nimmer müde;
Schon seit vielen tausend Jahren
Spricht der Himmelsbogen: Friede!

Aus des Regens düstrer Trübe
Glänzt das Bild, das immer neue;
In den Tränen zarter Liebe
Spiegelt sich der Engel – Treue

Wilde Stürme, Kriegeswogen
Rasten über Hain und Dach;
Ewig doch und allgemach
Stellt sich her der bunte Bogen.

Johann Wolfgang von Goethe

Omas Wiegenlied zur guten Nacht

Ich schmunzelte gerade in mich hinein, als ich den Mond betrachtete und mir das Wiegenlied „Guter Mond“ in den Sinn kam.  
Meine Oma sang es manchmal mit einer augenzwinkernden Abwandlung: „Guter Mond, du gehst so stille – zieh doch deine Holzpantoffeln an…“

Und so geht gerade eben – viele Jahrzehnte nach meiner Kinderzeit – gedanklich laut polternd der „gute Mond“ durch meinen Sinn, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und gleich wohl auch in den bald zu erwartenden Schlaf…

Was gestern im Briefkasten lag…

Als ich gestern nach Hause kam, steckte ein großer Umschlag in meinem Briefkasten, der gerade so „hineingepresst“ wurde – was allerdings nicht komplett gelang.

Was ist das denn? – fragte ich mich und überlegte gleich, wer mir wohl etwas geschickt haben könnte. Bestellt hatte ich nichts und wartete somit auf keine Sendung. Ganz gespannt zog ich den Brief aus dem Kasten und las den Absender – der Brief kam von einer guten Freundin.

Ich nahm die Sendung mit in meine Wohnung und öffnete den Umschlag. Er enthielt eine Grußkarte und ein Paar selbst gefilzte Hausschuhe – genau in der Art, wie ich sie von der Freundin vor einigen Jahren schon mal erhielt. Der beste Zeitpunkt für ein neues Paar, stellte ich erfreut fest. Das „alte“ Paar hatte schon die besten Zeiten hinter sich. Es wurde eben häufig und gerne getragen, was seine deutlichen Spuren hinterlassen hatte.

Ich schmunzelte und freute mich über das Geschenk – vor allem aber über die Zeit und die Mühe, die meine Freundin für seine Anfertigung und damit für mich aufgewendet hatte. Das ist genau der Grund, warum ich selbstgemachte Geschenke so liebe: weil einem das Herz aufgeht, wenn man einem anderen diese Zeit und Mühe wert war – es macht uns, die so Beschenkten, besonders oder lässt uns das zumindest einen Augenblick lang so empfinden! Dies gilt für Karten, für „Basteleien“ und eben auch für alle schöne Dinge, die aus Handarbeiten resultieren.

Gerade Handarbeiten „bestaune“ ich immer wieder, weil ich zwar kreativ bin, allerdings weder fürs Stricken, Häkeln, Nähen und dergleichen Talent und Begabung mitbringe. Hier trifft auf mich eine Aussage, die ich einmal von Roger Willemsen hörte, voll zu: „Ich habe – für mich als Linkshänderin abgewandelt – diesbezüglich keine zwei rechten Hände, sondern vier Füße!“

Und – Dank meiner Freundin – trage ich nun wieder eine ganze Weile lang an „zwei von diesen vier Füßen“ ein Paar neue Hausschuhe durch meine Wohnung spazieren… ?

S. C. O. 

Lebenskunst

Ganz kann nur werden, was zuvor ungleich war und es auch bleibt. So ist eine Ergänzung eben einfach nur ein bestmögliches Gegenstück. Was ineinandergreifen soll, kann nun einmal nicht vollkommen gleich sein. Ein Puzzle, das nur aus komplett gleichen Teilen bestünde, würde somit eben zwangsläufig zum Mosaik. Es sieht zusammengefügt schön und absolut stimmig aus – bildet im Zusammenspiel aller Steine miteinander ein vollendetes und harmonisches Ganzes.

Jeder einzelne Mosaikstein ist allerdings zunächst einmal oft nur bunt und schön anzusehen – und von den anderen Mosaiksteinen auf den ersten Blick kaum sicher zu unterscheiden. Aber: weckt ein auf diese Weise beliebiger „Mosaikstein“ mein wirkliches Interesse und meine Faszination genauso, wie dies eben ein einfaches und einzelnes Puzzlestück mit Leichtigkeit kann?

Bei einem Puzzlestück – vielleicht einem von 1000 Teilen – habe ich bei seiner Betrachtung oft nicht mehr als den Hauch einer Ahnung, wohin er gehört. Und dies allerdings auch nur dann, wenn ich mir zuvor ein Bild machen kann, was aus all diesen individuell unterschiedlichen Teilen einmal entstehen sollte – und, wenn es analytisch gut läuft, dann auch entstehen wird.

Jeder Mosaikstein und jedes Puzzlestück sind jeweils für sich gesehen „Einzelstücke“ – und nur im Sinne dieser Betrachtungsweise eben einander dadurch ähnlich. Ansonsten sind sie eher nicht zu vergleichen. Der Mosaikstein scheint für seinen ihm zugedachten Zweck eben eher „beliebig und glatt“, während das Puzzlestück eine auf seinen Verwendungszweck ausgerichtete – und eben daher unverzichtbare – von allen anderen Teilen abweichende Form aufweisen muss.

Beides kann und darf also für sich gesehen genauso sein und bleiben. Jedes für sich findet seinen ureigensten Sinn eben gerade miteinander in seinem Gefüge.

Vielleicht ist dies ein ganz gutes Sinnbild für die wohl lebenslange Gratwanderung zwischen dem Schein und dem tatsächlichen Sein, zwischen Wahrnehmung und Wunsch oder Ansicht und Ideal. Eben gerade für die Erkenntnis, dass alles nebeneinander in friedlicher Koexistenz bestehen kann und Unterschiede ihren Wert und ihren Sinn haben. Bestenfalls führt diese Betrachtung dann auch dazu, dass somit die inhaltlichen Auseinandersetzungen mit grundverschiedenen oder womöglich absolut gegensätzlich erscheinenden Menschen oder Dingen als erstrebenswert – vielmehr nahezu notwendig – zu sehen sind, wenn wir uns weiterentwickeln und neue Ansichten gewinnen wollen.

Es ist daher doch immer wieder erstaunlich und tatsächlich genauso verzichtbar, dass „zwei Menschen“ oftmals unbedingt ein vollkommenes „Ganzes“ sein oder werden wollen, wo es doch für jeden einzelnen schon schwierig genug ist, in jeder Situation mit sich selbst alleine bereits eins zu sein und zu bleiben.

Schönes – wie eben die einzelnen und dennoch eher beliebig erscheinenden Steine eines Mosaiks – erkennen und sinnlich erfassen zu können und gleichzeitig die Lust daran zu verspüren, auch jederzeit dem Wunsch und dem Drang in sich nachgehen zu wollen, scheinbar völlig unzusammenhängende und auf den ersten Blick nicht zueinander passende Dinge, die sich erst mit Mühe, Zeit und Anstrengung zu einem dem Auge schmeichelnden Ganzen zusammenfügen, genauso für sich wertzuschätzen – gerade das nenne ich Lebenskunst. Eben wenn auf diese Sichtweise aufbauend „spielerisch einfach“ das scheinbar Komplizierte geradezu leicht wird.

Ars Vivendi – eben die Kunst zu leben bzw. sein Dasein zu genießen.

Sermin Christina Orucoglu

„Kleine Fabel“ von Franz Kafka

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.