Ein weiterer Jahrestag – 17.05.1973

Es gibt Tage, die verwischen sich nicht. Sie bleiben präsent. Fast so, als wäre nur ein Augenblick vergangen – alles Geschehene nur einen Augenaufschlag lange her. Nichts ist vergessen: kein Gefühl, kein Erstaunen, keine Ohnmacht. Jedes Erinnern erscheint wie in dem Moment des Erlebens: fast so, als wäre dieser Tag gerade eben tief im eigenen Inneren eingefroren worden.

Und dennoch verändert sich mein Blick wohl doch von Jahr zu Jahr und lenkt die Sicht langsam und stetig auf das, was jede echte Begegnung im Leben tatsächlich immer im Wesentlichen ausmacht: Wenn doch nur zählt, dass etwas oder jemand war, wie kann dies ein „zu kurz“ je schmälern?

Dass, was man vermisst, ist doch nur das scheinbar „Wohlvertraute“, das das Kindergedächtnis verliert und dann nie wiederherstellen kann. Den Klang der Worte und die Stimme, den Gang, die Wärme und das Lächeln – eben all das, was der Mensch mir sicht- und hörbar war.

Und so vergeht ein Jahrestag um einen anderen – und auch der zeitlich immer weiterwachsende Abstand lässt das Vergessen niemals zu. Bis plötzlich klar wird, dass alles, was wir lieben, sich in uns eingräbt, weiterwirkt und mit uns spür- und fühlbar immer bleibt.

S. C. O.

„Kriegslied“ – von Matthias Claudius

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch‘ und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron‘ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Alleinstehend oder eher: allein stehend? ?

Ich liebe die deutsche Sprache und ihre Gestaltungsmöglichkeiten. So schmunzele ich immer, wenn ich irgendwo meinen Familienstand angebe und aus den Antwortmöglichkeiten richtigerweise „alleinstehend“ auswähle.

Alleinstehend – oder aber besser „allein stehend“? – Ich halte dies für eine Stärke und einen persönlichen Vorzug, „alleine stehen“ oder aber „für sich alleine stehen“ zu können.

Natürlich ist man sehr gut zu sehen und scheint auch leichter angreifbar, wenn man alleine einer Mehrheit gegenübersteht und deren „Ja“ aus seiner Überzeugung heraus ein „Nein“ entgegensetzt. Aber: Ist das nicht eher ein Zeichen von Mut und oftmals einfach wünschens-wert, die Freiheit dazu zu haben, zu sagen: „Nein! – auch Mehrheiten können irren?“

Ich persönlich liebe gerade den Austausch mit Menschen, die häufig Standpunkte vertreten, die sich mir nicht unbedingt erschließen, die mir aber die Möglichkeit bieten, mich auch mit meinen Überzeugungen immer wieder neu auseinandersetzen zu können. Niemand wächst schließlich für sich allein – und neue Denkanstöße führen zur Belebung, Bestätigung oder aber oft auch zu einer Aktualisierung meiner alten oder vielleicht manchmal – für mich noch unerkannt – bereits festgefahrenen Denkmuster.

Wie viele andere neige ich sicherlich zu einem gewissen „Schubladendenken“ – hier bin ich ganz Mensch – aber ich bin auch gleichzeitig immer bereit, die „Schubfächer umzusortieren“, wenn ich neue Einsichten gewinne. Richtig frei ist nur, wer auch seine Ansichten und vorgefassten Meinungen einer ständigen Überprüfung unterzieht.

Und ja: Es ist ein Vorzug und die Grundbasis der Freiheit, selbst dann zu sich und seinen Überzeugungen zu stehen, wenn alle anderen sagen, dass man falsch liegt.

Wer in den Geschichtsbüchern blättert, wird erkennen, dass die meisten Ideen und Reformen, die wir heute rückblickend für wichtige Entwicklungsschritte halten, oft nicht „mehrheitsfähig“ waren und von den Zeitgenossen mitunter als „Utopien und Träumereien von Phantasten“ verunglimpft wurden.

Ich stelle mir, während ich dies schreibe, gerade in Gedanken vor, dass beispielsweise Otto Lilienthal seinen Traum aufgegeben und seine „Flugversuche“ nicht gewagt hätte, als alle anderen „Realisten“ ihm erzählten, dass der Mensch nicht fliegen könne, und ihn für diese „Spinnerei“ belächelten…

S. C. O.

Freiheit ist auch der Mut zum „Nein“!

Ich las gerade einen Ausspruch von Nicolas Chamfort, der sagte: „Die Fähigkeit, das Wort Nein auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit.“ – und musste sehr in mich hineinschmunzeln.
Meine Mutter sagt mir immer wieder gerne, dass ich sehr früh laufen gelernt habe und das Wort „Nein“ das Wort war, das ich als allererstes sehr klar, sehr deutlich und immer wieder sehr bestimmt aussprach.
Ja – ich bin ein bekennender Freigeist – aber das ist auch nur derjenige, der die Freiheit der anderen dabei gleichfalls nicht aus dem Blick verliert!

Früh übt sich eben,
wer aufrecht gehen lernen will… ?
S. C. O.