Zwischen den Stühlen…

Da sitzt man zwischen den Stühlen – so sagen wir häufig – und es klingt dann eher danach, als sei dies ein überwiegend seltener Zustand. Aber sitzen wir gefühlt nicht öfter zwischen den Stühlen,
als es uns im Alltag bewusst ist? Steht nicht mitunter nur immer wieder etwas anderes auf den jeweiligen „Sitzpolstern“ dieser Stühle, zwischen denen man dann hin- und herschaukelt und versucht, sich „einzuschwingen“? Welche enormen Kräfte und Widersprüche muss man für sich zunächst in Einklang bringen – während man gleichzeitig darum ringt, sein Gleichgewicht und damit auch sich selbst in der eignen „inneren“ Balance zu halten…

Es ist oft zwischen Herz und Gewissen, zwischen Treue und Selbsttreue, zwischen „vorhandenen Mehrheiten“ und der eigenen Authentizität, zwischen Selbstpreisgabe und Kompromissen, zwischen möglichen Spannungen und dem eigenen „Grundbedürfnis“ nach Bequemlichkeit abzuwägen. Wir sind – wie ich glaube – recht leicht „verführbar“ dafür, uns kurzentschlossen anzupassen, weil es scheinbar weniger Energie kostet, weniger Auseinandersetzungen mit sich bringt. Aber: macht es uns glücklicher, zufriedener oder trägt es nicht eher dazu bei, sich gegen das eigene Empfinden, den eigenen Willen zu verändern und uns damit auch Stück für Stück von uns selbst zu entfernen?

Je öfter wir diesen scheinbaren „Energieverlust“ zu vermeiden versuchen, desto mehr laufen wir wohl Gefahr, uns selbst fremd zu werden oder vielleicht sogar irgendwann – bei allzu häufiger Anpassung an den Zeitgeist und mehrheitsfähigen Meinungen entgegen unserer eigentlichen Überzeugungen und Haltungen – uns für uns selbst bis zur eigenen Unkenntlichkeit zu entstellen…

S. C. O.

 

Ikarus‘ Bruder

 

Ich wusste nicht, wie mir geschah
Und war fast einer Ohnmacht nah.
Gewann zwei Flüge gleich „am Stück“ 
Bei Höhenangst ist das kein Glück.

Den einen tauscht’ ich und trat einen an,
Weil das ja auch „Therapie“ sein kann.
Mein Umfeld war auch hoch „erfreut“ 
Nur ich war wochenlang zerstreut.

Und heute ist es nun so weit –
Ich kämpfe mit der Übelkeit.
Das Herz rutscht schnurstracks in die Hose –
Nie wieder kaufe ich mir Lose!

Verkrampft nach innen und nach außen,
Der Motorsegler steht schon draußen.
Ich hör’ von fern den Motor stottern –
Gott, was können Knie schlottern!

Herbert Harborg winkt mich ran,
Jetzt ist’s zu spät. Jetzt bin ich dran.
Ich kletter’ wild entschlossen rein –
Und kämpf’ weiter mit Unwohlsein.

Während ’ne Faust mein Herz umkrallt,
Da bin ich auch schon angeschnallt.
Mich durchfährt ein kalter Schauer –
Und Herbert Harborg ruft den Tower.

Der gibt den Start frei – Jetzt geht’s los.
Wir ruckeln über Gras und Moos –
Und eh’ ich mich noch orientier’,
Liegt Wesel schon klein unter mir.

Die Angst ist jetzt wie weggeblasen.
Mein Herz hat aufgehört zu rasen.
Ich schaue fasziniert umher
Und beobachte das Wolkenmeer.

Häuser wie Spielzeuge nur groß.
Das Flugzeug schaukelt schwerelos.
Wir meistern das ganz souverän 
Kein Wunder bei dem Kapitän.

Nach Duisburg stimmt die „grobe Richtung“.
Ich beginne eifrig mit der Sichtung.
Alles sieht anders aus in Höhenlage 
Hab’ doch gewusst, dass ich versage.

So fliegen wir einfach „ins Blaue“
Und da ich mich nicht richtig traue,
Lass’ ich das Steuern lieber bleiben –
Ich will uns beide nicht entleiben.

Jetzt geht es ganz langsam retour.
Ich schaue überrascht zur Uhr.
Der Flugplatz ist alsbald zu sehen –
Wie schnell Minuten doch vergehen.

Begeistert von der Fliegerei
Sag’ ich, ganz ohne Schwindelei:
„Sie war’n der richtige Mann am Ruder 
Für mich sind Sie Ikarus’ Bruder!“

 

Anmerkung: Das Gedicht entstand direkt im Anschluss an den Flug am 13.09.2003 – also inklusive aller „Wechselbäder der Gefühle“ äußerst authentisch. Inzwischen habe ich den Vorzug, Herbert Harborg, der mir gestattet hat, ihn namentlich zu nennen, zu duzen. So ein Erlebnis verbindet nun einmal! ?