… frage ich mich, sind von uns als solche wahrgenommene
„Helden“ einfach nur Menschen, denen zur Feigheit
der Mut fehlte…
S. C. O.
… frage ich mich, sind von uns als solche wahrgenommene
„Helden“ einfach nur Menschen, denen zur Feigheit
der Mut fehlte…
S. C. O.

Tatsächlich: heute genau zwei Jahre her! ?
Die Fallstricke unserer Sprache liegen oft in der Schreibweise und der korrekten Anwendung der Worte.
Wie schnell wird aus „rechtmäßig“ – „recht mäßig“
oder aber aus
„Mein Eid“ – „Meineid“
Es ist doch sehr klar zu sehen: manchmal ist es einfach „nur“ ein schmaler Grat zwischen einem Schreib- und einem Charakterfehler!


Heute ist so ein Tag, an dem sich meine Gedanken mit einem Lächeln auf die Ursprünge richten. Es ist der 22. Februar und damit jährt sich der Geburtstag meiner Großmutter nun zum 104. Mal. Sie starb, als ich gerade sieben Jahre alt war, und sie ist auf dem Bild oben fast genau in dem Alter, in dem ich mich aktuell befinde: also etwa 54 Jahre alt.
Die Frage ist nicht, wie lange ein Leben andauert – es kommt darauf an, was man hinterlässt, einfach, weil man da war. Es kommt einzig auf die Qualität an – und manch einer fasst sich auf Erden eben leider kurz…
Als ich ein Kind war, begannen die Sätze meiner Oma – als Spiegel des Verhaltens – manchmal mit den Worten: „Wo kämen wir denn hin…“ Ein Satz, den wohl viele Großeltern dieser Zeit ihren Enkelkindern gerne weitergegeben haben als Einleitung zum Nachdenken.
Ich habe ihn oft gehört – vermutlich, weil ich diese Aufforderungen zur „Selbstreflexion“ auch einfach etwas mehr brauchte als andere Kinder. Ich sehe es heute als eine Art „Anregung“ meiner Oma, mich auch unbequemen Herausforderungen zu stellen. Ja: Wo käme ich wohl hin, wenn ich einfach mal etwas ausprobieren würde, statt mich von vorneherein auszubremsen und zu überlegen, wohin eine spontane Idee oder ein neuer Weg mich denn „schlimmstenfalls“ führen könnten?
Einfach machen und dann mal sehen. Herausfinden, was sich verändert, wenn sich Verhalten wandelt. Neugierig bleiben. Möglicherweise auch vorsichtig und etwas verunsichert an Neues herangehen, aber auch Freude und Optimismus bei aller Ungewissheit als Ausgangsbasis für eine neue Erfahrung ins „Marschgepäck“ packen. Einfach mal machen, einfach mal losgehen – ohne Plan, rein dem Gefühl folgen.
Und bei wie vielen Dingen dachte und denke ich noch heute: wer weiß, wohin es führt – ist es schlau, mich auf dieses Risiko, diese Unwägbarkeit einzulassen? Und ja, oftmals bleibt genau die Zeitspanne zwischen dem sich einen Augenblick lang öffnenden Türspalt und der kurzen Dauer, während die Tür dann leise, aber deutlich vernehmbar, langsam knarrend wieder zurück ins Schloss fällt, für eine Entscheidung übrig. Ein zu langer Moment des Zögerns, des Zauderns – und schon ist die Chance vertan. Klappe zu – Affe tot! – wie es so schön heißt. Was danach bleibt, ist die auf ewig unbeantwortbare Frage: Warum hast du nicht…? Hättest du doch mal… Vorbei! – unwiederbringlich abgelegt auf dem überfüllten Friedhof der vergebenen Möglichkeiten.
Aber: noch öffnet und schließt diese Tür sich doch immer wieder in einem ewig gleich langen zeitlichen Intervall – und dies wohl zu jeder Zeit und lebenslänglich – weil ich es in der Hand habe, in jedem Moment, selbst im vermeintlich letzten, den Fuß blitzschnell in den Türspalt zu stellen und meiner Gegenwart mit einem beherzten Schritt nach vorn für die nächste Zukunft eine völlig neue Richtung zu geben. Dieses Vertrauen zu haben, einfach mal etwas zu probieren und auf den „Bauch“ zu hören – ich glaube, das verdanken wir auch den Menschen, die uns Mut machen, einfach zu sein und uns auf uns selbst zu verlassen.
Und so nehme ich alle diese „Wo kämen wir denn hins…“ – die ich gehört habe, und es waren wie erwähnt viele in der doch nur recht kurzen Zeit, die ich mit meiner Oma verbracht habe, als „Dauereintrittskarte“ zu dem immerwährenden „Abenteuerspielplatz Leben“. Es bedarf eben nicht der Vorbedingung, dass ich weiß, was ich so genau will, sondern ich kann einfach der leisen inneren Stimme folgen, die mir sagt: „Hey, wachse doch einfach in dein Leben rein. Du hast doch Zeit, herauszufinden, wo es hingehen soll. Beschreite deine Wege und ziehe deine Bahn. Finde heraus, was dir guttut oder aber eben oftmals auch, was dir so nicht guttut. Lerne zu wollen, was du tust oder akzeptiere genauso bewusst, was du eben einfach überhaupt nicht brauchst, um dir selbst zu entsprechen.“
Ich bin nun inzwischen 53 Jahre alt – und ja, die Fragen und die Zweifel während der Entscheidungsphase: Traue ich mich oder lasse ich die Zeit verstreichen – die sind geblieben. Was sich mit zunehmendem Alter verändern kann, ist allerdings die natürliche „Reaktionszeit“: Die Tür fällt eben gefühlt „schneller ins Schloss“…
Und gerade heute, wenn ich über die Frage meiner Oma: „Wo kämen wir denn hin…?“ – nachdenke, glaube ich eine leise flüsternde und mir wohlvertraute Stimme zu hören, die mir sanft ins Ohr raunt: „Sermin, nicht so viel denken! Vertrauen und machen! Sei was du bist und werde, was du werden kannst! Sei dir selber nie genug, habe Mut und pass gut auf dich auf!“
Und ich höre, wie sich die offene Tür vor mir leise und allmählich halblaut langsam knarrend schließen will, stelle den Fuß blitzschnell entschlossen dazwischen, werfe mich durch den schmalen Spalt „auf gut Glück“ hindurch, um ein weiteres Mal herauszufinden, wohin ich wohl komme, wenn ich jetzt ganz einfach gehe…
Sermin Christina Orucoglu


Das einzige, was mich an Schneeflächen, seit ich erwachsen bin, wirklich noch begeistern und anrühren kann ist, wenn ich an einem Wintermorgen als allererste einen Spaziergang im frischgefallenen Schnee mache und dort meine Fußspuren stapfend und für alle Nachfolgenden des Tages sichtbar hinterlasse. Gleich dem tausendfachen Ausruf, den man dem einen oder anderen Graffiti, das an Wände gesprüht wurde, oft entnehmen kann: ICH war da! – vermutlich als eine Art von Signal an sich und die Welt, dass „man stattgefunden“ hat, eben „da war“! – Ein nun damit unübersehbarer und unauslöschlicher Teil des „Weltengedächtnisses“!
Okay – es handelt sich in meinem Falle um eine Schneedecke, die sich in absehbarer Zeit von selbst auflöst. So ist das nun mal mit dem „Schnee von gestern“. Und gleichfalls richtig: sobald weitere Menschen ihre Spuren darüberlegen oder ihrerseits ebenfalls unweigerlich Fußabdrücke hinterlassen, ist der „Zauber meiner ersten Spur“ vorüber. Es ist also wohl doch nur „ein Triumph des Augenblicks“ – könnte man denken…
Aber: Nein! Sie ist immer noch da, auch wenn es gleichfalls stimmt, dass das Bild der Fußspur sich augenscheinlich mit der Zeit deutlich verändert haben kann. Aber das schränkt doch meinen erlebten „Glücksmoment“ und seine Wirkung auf mich und meine künftige Erinnerung daran überhaupt nicht ein.
Es ist nicht notwendig, dass alles das, was mich begeistert und fasziniert, so bleibt, wie es in dem Augenblick war, als der Eindruck entstand. Auch ist es nicht relevant, dass sich Dinge möglicherweise so deutlich verändern oder verändern werden, bis sie vielleicht kaum noch oder gar nicht mehr für mich sichtbar sind. Das einzige was wirklich zählt, ist der Eindruck, den etwas oder auch jemand auf mich gemacht hat – und dieser kann sich zwar verwischen lassen, bleibt aber unwiderruflich Teil meines Lebens und damit des Wirkens auf mich – bis ans natürliche Ende meiner Erinnerungsfähigkeit.
Ja, eines macht mir dieses Bild der „Fußspur im ersten Schnee“ klar: Vieles von dem, was uns prägt und seine Eindrücke auf und in uns hinterlässt, muss nicht immer sofort sichtbar bzw. nicht immer auf den ersten „Blick zurück“ wieder sofort deutlich zu erkennen sein. Oft bedarf es längeren Nachdenkens oder aber einer „zufälligen Erinnerung“ an längst irgendwo in uns abgelegten Geschichten, Begebenheiten und Begegnungen, um eine unverstellte Sicht auf Augenblicke und deren Bedeutung für uns und unser Denken, Handeln und Fühlen zurückzugewinnen.
Jeder erste Eindruck von etwas oder jemandem auf uns ist und bleibt einzigartig und jede spätere gedankliche Veränderung, jedes Verdrängen und jede zeitliche Entfernung von Menschen und Dingen die uns prägten, sind nur eine Art von Verpackung, die wir darumlegen, um uns mit dem Geschenk des „sich Wiedererinnerns“ an Begegnungen, Augenblicke und allem, was Spuren in uns hinterlassen hat, zu jeder Zeit selber überraschen können.
Der Gewinn dieser „Rückschau“ liegt nicht in einer Art von Sentimentalität, in die „gute, alte Zeit“ zurückkehren zu wollen, sondern vielmehr darin, eine Zeitreise in das damalige Gefühl des Moments zu unternehmen, um dem Erlebten so „verwandelt“ seinen ihm gebührenden Platz in meiner Gegenwart zuweisen zu können.
Und so ist für mich als „selbsterklärtes Sommerkind“ gerade im Winter der tröstende Lichtblick für die Dauer dieser Jahreszeit, dass alles, was vergangen ist, nun einmal immer wieder neu beginnen muss, damit es letztlich auch verändert bleiben kann… ?
S. C. Orucoglu
Manchmal wünschte ich uns, dass vor den vielen überflüssigen Aussagen ohne aktuelle Relevanz – wie z. B. den selbstbewussten Vorstößen diverser Politiker, wer so alles „Kanzler kann“ – der für das Volk spürbare Beweis aller gewählten Mitglieder des Bundestags erfolgen möge, dass diese zunächst „Volksvertreter können“…
Nichts anderes besagt doch der reinen Wortbedeutung nach wohl diese auf den Punkt gebrachte Bezeichnung für das Mandat, eben:
das Volk und dessen Interessen zu vertreten.
Jede darüber hinaus angestrebte persönliche Weiterentwicklung einzelner Politiker ist doch dann einfach nur noch eine Frage der Reihenfolge, der Zeit und der tatsächlichen Eignung.
Im Übrigen wäre bei dem einen oder anderen „potenziellen Kanzlerkandidaten“ zudem auch ein wenig Realismus bzgl. der Wahlchancen seiner Partei wünschenswert. Dementsprechend ließe sich dann für manch einen Volksvertreter – der Analyse der aktuellen und der zu erwartenden Mehrheitsverhältnisse im Bundestag Rechnung tragend – die Aussage beispielsweise wie folgt anpassen:
„Ich könnte Kanzler, aber ich kann rechnen!“ – und dies dann vielleicht auch wieder mit dem Volk… ?
S. C. O.
Es gibt Wege im Leben, die wir gehen müssen, ohne auch nur im Ansatz zu ahnen, wohin sie uns führen und welche Hürden und Chancen sie mit sich bringen werden. Wir laufen, wir stolpern, rappeln uns auf, laufen weiter, hasten wie durch einen endlos langen Korridor und erfassen nur flüchtig im Vorüberrennen, dass auf jeder der Türen, die rechts oder links auf dem Gang liegen, Schilder stehen. Oft sind sie kaum lesbar im Eiltempo, das manchmal unmöglich macht, lange genug mit dem Blick zu verweilen, um zu erkennen, was sich hinter den Eingängen verbergen könnte. Immer vorwärts und immer weiter geradeaus geht der schier endlose Weg – und dies solange, bis wir erkennen, dass wir das Tempo herausnehmen müssen, um: unseren Puls herunterzufahren, eine Standortbestimmung durchzuführen und einen Plan zum weiteren Vorgehen zu entwerfen, der uns wieder zu „Herren der Lage“ werden lässt. Wenn wir etwas lösen wollen, müssen wir es zunächst einmal überhaupt verstehen. Das erfordert Ruhe, Geduld, Distanz, Reflexion und den realistischen Blick auf die Situation.
Und nun, da ich die Geschwindigkeit drossele, darüber wieder zu Atem kommen und den Blick endlich wieder einmal länger auf etwas ruhen lassen kann, sehe ich, dass geradeaus vor mir endlich die Tür liegt, nach der ich in der Hektik des Geschehens immer gesucht habe. Ich reibe mir die Augen, um sicherzugehen. Tatsächlich – da steht es ganz klar lesbar: Ende der Angst.

Ich bin erleichtert und doch etwas unsicher: Was mag dahinter liegen? Ich drücke vorsichtig die Klinke herunter und sehe im Lichtschein, der nun freigegeben wird, dass auf der Türschwelle ein Wort in Großbuchstaben auf dem Fußboden prangt. Dort steht einfach nur: GEWISSHEIT!
Ja – genau das ist es wohl, was das Ende der Angst erst möglich macht. Nicht „RETTUNG“; nicht „LÖSUNG“; nicht „WAHRHEIT“; nicht „SIEG“, sondern einfach nur erstmal GEWISSHEIT, die hier schon ausreicht, um einen akzeptablen Abschluss und eine Neuorientierung überhaupt wieder zuzulassen.
Und da alles, was vergangen ist, immer wieder neu beginnt, liegt hinter dieser Türschwelle nun bereits schon der nächste Korridor meines Lebensweges bereit – und unter allen weiteren Türen, die nun wiederum dahinter liegen mögen, sucht mein Auge ganz gezielt nach dem Eingang mit der Aufschrift „ZUVERSICHT“ und die Hand greift automatisch und ganz beherzt nach der Türklinke…
Sermin Christina Orucoglu